Wer braucht denn heutzutage noch ein Bewerbungsschreiben?!

Stundenlang hat sie an ihrem Bewerbungsschreiben gebastelt. Im Netz nach Vorlagen gesucht. In einem Bewerbungsratgeber geblättert. An jedem Satz gefeilt.

Weil so ein Anschreiben/Bewerbungsschreiben ist ja das ALLERWICHTIGSTE. Quasi das Herzstück der schriftlichen Bewerbung.

Haben zumindest die Lehrer in der Schule gesagt.

Damals vor 15 Jahren.

Und dann, als sie endlich fertig ist, sagt ihr ein Bekannter, der in der HR arbeitet: "Heutzutage schickt doch kein Schwein mehr ein Anschreiben mit!"

Einfach CV hochladen auf einer dieser Jobplattformen. Ein Klick und das Teil geht mit ein paar vorgefertigten Satzerl automatisch raus. „Bezugnehmend auf … blabla … im Anhang meine Bewerbungsunterlagen. Sollten Sie weitere Unterlagen benötigen … blabla ...

SO macht man das heute!

Echt jetzt?!

Ist das Bewerbungsschreiben wirklich retro?

Sahnehäubchen

Generell gilt: Anschreiben sind nicht so entscheidend, wie die meisten KandidatInnen denken. Spielentscheidend ist der Lebenslauf.

Und trotzdem ist ein gutes Bewerbungsschreiben mehr als nur ein Sahnehäubchen. Vor allem in den Fällen, wo man aufgrund des CVs noch nicht sicher ist, ob man die Person einladen soll oder nicht. Genau da kann ein zündendes Anschreiben, das persönlich, echt und sympathisch wirkt, tatsächlich etwas bewirken.

Aber fragen wir doch einfach die weltbeste Headhunterin, wann ein Anschreiben sinnvoll ist und was da eigentlich drinnen stehen soll.

Frau Schöffmann, wann ist ein Bewerbungsschreiben unverzichtbar?
Bei Führungspositionen und da, wo ich davon ausgehen muss, dass mein CV Fragen nach Eignung und Motivation aufwirft. Sonst reicht ein CV, der alle nötigen Infos enthält, üblicherweise völlig aus.

Wenn ich mich per Mail bewerbe, muss ich das als file anhängen oder schreib ich den Text einfach in das Mail?
Wurscht. Beides geht.

Welche Fehler passieren häufig bei Bewerbungsschreiben?
Das schlimmste ist der Serienbrief. Ein Text, der einmal verfasst, für möglichst jede Bewerbung herhalten muss. Klingt völlig beliebig. Wie aus dem Bewerbungsratgeber abgeschrieben. Voller Floskeln und Gemeinplätze. Öde!

Schadet so ein „Serienbrief“ ?
Er schadet dann, wenn es um eine Position geht, wo ich jemanden brauche, der in der Lage ist, sich in sein Gegenüber hinein zu versetzen, gut zu argumentieren, Menschen zu überzeugen. Da ist der Serienbrief für mich ein KO-Kriterium. Wenn ich sowas z.B. von einem Vertriebler bekomm, kriegt der gleich postwendend eine Absage.

Was wird sonst noch falsch gemacht?
Die Leute schreiben oft Zeugs hinein, das für die jeweilige Stelle völlig irrelevant ist. Oft sogar kontraproduktiv. Das ist wenn z.B. jemand seine Führungsstärke und Managementerfahrung betont, aber bei der Stelle geht um eine reine Sachbearbeitung. Da denkt man natürlich sofort: überqualifiziert!
Und viele schreiben hinein, was eh im CV steht. Das ist dann der Lebenslauf sozusagen nochmal in Prosa. Beginnend bei Adam & Eva. „Meine berufliche Laufbahn begann als ich mich mit 15 für den Lehrberuf des blabla ...“. Laaaaangweilig!

Was gehört denn inhaltlich in so ein Anschreiben?
Einfach vorher überlegen: Welche Fragen wird mein Gegenüber haben, wenn er meinen CV liest? Das ist individuell unterschiedlich. Vielleicht wird er sich fragen, warum Sie sich mit Wohnort Graz für eine Stelle in Salzburg bewerben? Oder warum Sie wechseln wollen/müssen, wenn Sie sich aus einem aufrechten Dienstverhältnis bewerben. Oder wieso Sie jetzt im Vertrieb arbeiten wollen, wo Sie doch die letzten 10 Jahre im Einkauf waren. Oder ob Ihnen ein Sachbearbeiterjob nicht zu popelig ist, wo Sie nun doch aktuell schon in einer Leitungsfunktion sind.
Und genau diese Fragen sollte ich dann in dem Anschreiben beantworten.

Muss man etwas Positives über die Firma schreiben, um seine Motivation zu betonen?
Nein, muss man nicht. Ich empfehle das nur dann, wenn es wirklich echt ist. Sonst wirkt dieses gekünstelte Geschleime einfach nur streberhaft und unehrlich. Oft kennt man ja die Firma gar nicht, sondern findet einfach nur das Jobinserat spannend. Das ist völlig ok. Ich muss echt nicht so tun, als wäre mir die Firma seit Jahren ein Begriff.

Sollte man auch seine Kündigungsfrist und Gehaltsvorstellungen angeben?
Ja, dafür wird Sie jeder Personaler lieben. Gehaltsvorstellungen hineinschreiben trauen sich viele nicht. Aber denken Sie einfach daran, wie es Ihnen geht, wenn Sie in einem Inserat wirklich konkrete Gehaltsangaben finden. ... Sehen Sie! Und genauso geht es der Personalerin, wenn Sie Ihre Gehaltsvorstellungen angeben.

Tipp- bzw. Rechtschreibfehler sind vermutlich gaaaanz schlecht, oder?
Nö, das stimmt so nicht mehr. Weil wirklich fehlerfrei ist heutzutage kaum eine Bewerbung. Natürlich gibt es Jobs, wo man das voraussetzt, weil fehlerfreies Texten Teil der Jobdescription ist. Aber sonst werden Schwächen in der Grammatik oder Rechtschreibung nicht mehr so negativ betrachtet wie noch vor 20 Jahren. Zu viele Schlampigkeitsfehler als Ausdruck eines ebensolchen Arbeitsstils hingegen schon.

Und was ist eigentlich mit dieser „Dritten Seite“? Also ein eigenes, zusätzliches Motivationsschreiben, wo man nochmal ausführlicher wird als im Anschreiben?
Ist ausgestorben! Mit gutem Grund. Kein Mensch hat Zeit und Lust solche Aufsätze zu lesen. Das war ohnehin bloß eine Erfindung von ein paar Platzhirschen am Bewerbungsratgebermarkt in den späten 90er Jahren. Hat sich aber eh nie wirklich durchgesetzt.

Generell: Bitte Hände weg von Vorlagen aus dem Netz oder dem Bewerbungsratgeber! Die klingen immer unecht und formelhaft.

Und wenn Sie wirklich nicht weiterkommen mit dem Bewerbungsschreiben: Better call Ines!