Absage wegen Überqualifizierung – warum „zu gut“ schlecht ist

Hubert war 10 Jahre lang Leiter im Finanz- und Rechnungswesen, später kaufmännischer Leiter. In der Firma hat er sich hochgearbeitet. Vom Buchhalter bis in die Geschäftsleitung.
Er hat Teams geführt, Systeme eingeführt, Strategien entwickelt und umgesetzt.
Und entsprechend gut verdient.
Doch dann ist es leider blöd gekommen: Neuer CEO. Eine Intrige … und schwups … plötzlich war Hubert den Job los.
Jetzt muss er tun, das er seit 20 Jahren nicht mehr getan hat: sich bewerben.
Allerdings findet er nur wenige Positionen in seiner Flughöhe. Und bei denen bekommt er Absagen.
Dann eben eine Nummer kleiner?
„Was soll's“, denkt Hubert. „Das Haus ist abbezahlt, die Kinder sind erwachsen. Es muss ja nicht unbedingt eine CFO-Position sein.“
Und so bewirbt er sich nun auf Stellen als Teamleiter Buchhaltung oder Controller. Das kann er ja auch alles. Und auf diesem Level gibt es deutlich mehr Jobs.
Aber auch hier: Absagen.
Sofort. Ohne Gespräch. Standardtext.
Also ruft er eine Recruiterin an und fragt nach dem Grund.
Ihre Antwort: „Sie sind überqualifiziert!“
Überqualifiziert? WTF?!
Überqualifizierung ist für viele Jobsuchende als Absagegrund kaum nachvollziehbar.
Aber es ist doch gut, wenn ich mehr kann als gefordert!
Wenn ich ein Studium habe, wo die nur Abitur voraussetzen!
20 Jahre Erfahrung, auch wenn im Inserat nur ein Junior gesucht wird!
Führungserfahrung, auch wenn es nur um eine Fachkraftposition geht!
Irrtum! Sowas ist eben nicht gut!
Überqualifizierung ist sogar noch nachteiliger als Unterqualifizierung. Und es ist tatsächlich einer der häufigsten Gründe für Absagen. Ein großer Teil von denen, die glauben, dass sie die Absagen wegen des Alters bekommen, bekommen sie in Wirklichkeit deswegen.
Ich erklär dir jetzt mal aus der Sicht der Personalentscheiderin:
Wie du vielleicht (hoffentlich!) schon aus meinem Blogpost weißt, sind Personalentscheider Risikovermeider. Sie entscheiden sich immer für den oder die "sicherste" KandidatIn.
Bist du überqualifiziert, dann bist du ein Risiko.
- Da sind sicher die Gehaltsvorstellungen zu hoch
- Die macht das nur als Notlösung und ist weg, sobald sie wieder etwas auf ihrem Niveau findet
- Dem wird der Job nach sechs Monaten zu langweilig
- Die lässt sich von mir als Führungskraft sicher nichts mehr sagen
- Der sägt vielleicht an meinem Stuhl
Sind diese Befürchtungen sie völlig aus der Luft gegriffen?- Nein! Ist wie beim Dating. Zu schön und zu intelligent ist eben auch nicht gut 😉
Bore-out statt Burn-out
Oft passiert es ja nicht, aber ein paar mal hab ich das schon erlebt. Dass Unternehmen jemanden eingestellt haben, der oder die überqualifiziert war.
Gut ausgegangen ist das allerdings selten.
Warum?
Weil Unterforderung für Menschen langfristig genauso belastend ist wie Überforderung.
Natürlich kann sich der Notnagel-Job schnell als Sprungbrett erweisen. Aber das weiß vorher keiner. Und wenn nicht, dann macht sich spätestens nach einem halben Jahr Ernüchterung oder Frustration breit.
Tiefstapeln- aber richtig!
Du bist trotz allem wild entschlossen, dich für eine solche Stelle zu bewerben? Dann mach folgendes:
- Downsizing im CV! Betonen der operativen Tätigkeiten. Kein Herausstreichen von Führungsspannen und strategischen Verantwortlichkeiten!
- Kein „Chef-Foto“! Foto bewusst klein halten. Ein einfaches Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln statt Sakko mit Krawatte, helle statt dunkler Farben,…
- Überqualifizierung offensiv ansprechen! Gehe im Bewerbungsschreiben darauf ein, dass dir bewusst ist, dass du überqualifiziert wirkst und erkläre, warum die Stelle trotzdem interessant für dich ist.
Und vor allem: Nimm dir einen Coach! Eine, die dir erklärt, wie du auch bei den wenigen Jobs in DEINER Flughöhe Chancen hast. Dann ersparst dir nämlich das mühsame Sich-klein-Machen.
Also: Better call Ines!
Veröffentlicht: 03/2026
